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Diskussionen unter den Schwingern

Die Entscheidung, dass 120 ausgewählten Schwingern ab 17. März der Zugang zum Training im Sägemehl erlaubt wird, hat für Wirbel gesorgt. In der Nordostschweiz ist sogar zu vernehmen, dass der Entscheid von zehn Eidgenossen boykottiert wird. Sie wollen erst wieder ins Geschehen eingreifen, wenn für alle das Training erlaubt ist. In den anderen Teilverbänden hat man sich mit dem Entscheid grösstenteils arrangiert.
Dass 120 ausgewählte Schwinger seit 17. März wieder trainieren dürfen, findet in der Schwingerszene nicht nur Anklang. (Foto: swiss-image.ch)

Nicht unerwartet hat der Entscheid des Eidgenössischen Schwingerverbandes, in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sport (BASPO) und Swiss Olympic Trainings für 120 Schwinger ab 17. März wieder zu erlauben, für viel Diskussionen in der Schwingerszene gesorgt.

Bewusstsein vorhanden
Der zweifache Eidgenosse Florian Gnägi, für die Berner Schwinger Vertreter im Aktivenrat, hat die Entscheidung vom Zentralvorstand Eidgenössischen Schwingerverband mit positiven Gefühlen entgegengenommen. "Für den Schwingsport ist es wichtig, dass wieder etwas läuft." Angesprochen auf die Bevorteilung gewisser Athleten entgegnet der Seeländer: "Man darf das Ganze nicht als Zweiklassengesellschaft anschauen, sondern als Start, damit bald wieder alle Schwingen können. Jedem Spitzenschwinger ist es bewusst und auch sehr wichtig zu erwähnen, dass es für den Schwingsport alle braucht."

Skepsis in der Nordostschweiz
Weniger mit dieser Entscheidung anfreunden kann sich Marc Zbinden. Der Technische Leiter vom Schwingerverband Hinterthurgau hat sich schriftlich an den Zentralvorstand des Eidgenössischen Schwingerverbandes gewendet. Das entsprechende Mail liegt dem SCHLUSSGANG vor. Zbinden verlangt, dass der Entscheid zurückgenommen wird. "Der Entscheid zerschmettert eigentlich alle Grundsätze, die mit dem Schwingsport in Verbindung gebracht werden." Der Thurgauer Turnerschwinger befürchtet, dass aufgrund des Entscheides Mittelschwinger, die jetzt ausgeschlossen sind und eigentlich das Rückgrat des Schwingsportes bilden, die Motivation verlieren und so nicht nur Schwinger, sondern auch zukünftige, wichtige Funktionäre verloren gehen.

Solidarität unter fast allen NOSV-Eidgenossen
Die Nordostschweiz lässt aber nicht nur wegen dem schriftlichen Einwand von Marc Zbinden aufhorchen, sondern auch wegen der Tatsache, dass sich 10 von 12 befragten NOSV-Eidgenossen dafür ausgesprochen haben, dass man den Entscheid vom ESV boykottiert. Sie werden erst wieder ins Geschehen eingreifen, wenn alle trainieren dürfen. Welche NOSV-Eidgenossen dies betrifft, ist nicht bekannt. 

Dass die Nordostschweizer Eidgenossen so reagieren, überrascht nicht. Der NOSV hat anfangs März unter den Schwingern eine Umfrage gemacht und die Resultate am 17. März auf seiner Website präsentiert. Rund 300 Nachwuchsschwinger, Nichtkranzer, Kranzer und Eidgenossen aus allen sieben NOSV-Kantonalverbänden haben daran teilgenommen. So sind fast 72 Prozent der Meinung, dass erst wieder geschwungen werden soll bei den Jahrgängen 2000 und älter, wenn es für alle erlaubt ist. Über 58% der Befragten finden es aber gut, dass bis 20 Jahre trainiert werden kann. Weitere 30% können damit leben. Besorgniserregend ist die Antwort von 25% der Schwinger, dass sie es als Rücktrittsgrund sehen, wenn nur die Spitzenschwinger an Wettkämpfen teilnehmen könnten. Die kompletten Resultate der NOSV-Umfrage können hier (Link auf PDF) nachgelesen werden.

Hinweis auf ESV-Leitbild
Sowohl Marc Zbinden in seiner schriftlichen Meldung an der Zentralvorstand wie auch der Nordostschweizer Schwingerverband in der Meldung zur Umfrage vom 17. März verweisen auf das Leitbild des Eidgenössischen Schwingerverbandes. Darin heisst es: «Wir pflegen und fördern die traditionelle Sportart Schwingen in der ganzen Schweiz. Das Schwingen soll attraktiv und traditionell bleiben, präsentiert sich aber zeitgemäss. Die Bräuche und Werte des Schwingens werden von uns gepflegt, vorgelebt und an die kommenden Generationen weitergegeben.» Der Entscheid, eine ganze Gruppe an Schwingern so quasi auszuschliessen, wiederspreche diesem Leitbild definitiv, sagen die Kritiker.

Es gibt zwei Seiten
In der Innerschweiz ist die Haltung gegenüber dem Entscheid auch eher skeptisch. Der routinierte Eidgenosse Christian Schuler beispielsweise sagte gegenüber Radio Central: "Ich freue mich natürlich sehr, dass ich wieder ins Sägemehl darf. Aber es gibt zwei Seiten, denn jene Schwinger, die jetzt nicht trainieren dürfen, sind mit der gleichen Leidenschaft Schwinger wie ich auch."

Trotzdem entschied sich die Mehrheit der Innerschweizer dafür die neu geschaffene Trainingsmöglichkeit zu nutzen. In einer Medienmitteilung - hier (Link auf PDF) nachzulesen - heisst es: "Die ISV-TK wie auch der Vorstand akzeptieren aber den demokratischen Entscheid des ZV und wollen vor allem den selektionierten Schwingern die Trainingsmöglichkeiten nicht verunmöglichen. Einige Schwinger mussten sich verletzungsbedingt abmelden. Es gab auch Schwinger, welche aus Solidarität zu den nicht berücksichtigten Schwingern auf die Selektion verzichteten. Die 38-köpfige ISV-Gruppe umfasst nun praktisch alle Eidgenossen, Berg- und Teilverbandskranzer, die dabei sein konnten und wollten."

Während sich die Inner- und Nordostschweizer gegen eine Speziallösung aussprachen, waren die anderen drei Teilverbände Bern, Nordwest- und Südwestschweiz dafür. Am Ende entschied eine Mehrheit im Zentralvorstand für die Speziallösung mit 120 Eidgenossen und ausgewählten Schwingern. Ob auch im Kanton Bern sowie in der Nordwest- und Südwestschweiz Schwinger, die den Zugang erhalten würden, aus Solidarität auf die Trainingseinsätze verzichten, ist nicht bekannt.

Stufenweise Öffnung
Trotz den kritischen Voten bleibt der Eidgenössische Schwingerverband seiner Linie treu. "Es handelt sich hier um eine stufenweise Öffnung. Wir wollen jetzt beweisen, dass unser Rahmenschutzkonzept funktioniert und es bald für alle wieder möglich ist zu schwingen", sagt der Technische Leiter des Eidgenössischen Schwingerverbandes Stefan Strebel. Strebel gibt zudem zu bedenken, dass mittlerweile zwei Drittel aller Aktivschwinger (120 Eidgenossen und Ausgewählte mit Jahrgang 2000 und älter, alle Aktiven in den Jahrgängen 2001 bis 2005) wieder trainieren können. "Wir kämpfen nun für den letzten Drittel", zeigt sich Strebel optimistisch.

Die kritischen Voten aus der Schwingerszene kann der TK-Chef verstehen, er werde persönlich mit allen Kontakt aufnehmen, die sich bei ihm gemeldet haben. "Auch ich bin mit der Situation nicht zufrieden", erklärt Stefan Strebel weiter und ergänzt: "Ein weiteres Jahr ohne Schwingen können wir uns nicht erlauben." Der Aargauer bestätigt zudem, dass die jetztige Öffnung fürs Training gelte. Einen Wettkampfvorteil erhalten die 120 auserwählten Schwinger also (noch) nicht.

Verteiler ist definiert
Die Zusammensetzung der 120 ausgewählten Schwinger hat die Technische Kommission des Eidgenössischen Schwingerverbandes bereits bestimmt, diese sieht wie folgt aus:

  • BKSV 17 Eidgenossen und 10 Berg-/Teilverbandskranzer
  • ISV 16 Eidgenossen und 22 Berg-/Teilverbandskranzer
  • NOSV 15 Eidgenossen und 11 Berg-/Teilverbandskranzer
  • NWSV 7 Eidgenossen und 9 Berg-/Teilverbandskranzer
  • SWSV 3 Eidgenossen und 10 Berg-/Teilverbandskranzer
  • zusätzlich je 1 U23-Schwinger aus jedem Teilverband

Die Selektion erfolgte durch die Technischen Kommissionen der jeweiligen Teilverbände. Stefan Strebel reicht heute zu Handen des Bundesamtes für Sport (BASPO) und Swiss Olympic die Gesamtliste mit den 120 Schwingern ein und so ist ab sofort (per Mittwoch, 17. März 2021) das Training im Sägemehl für jene Schwinger erlaubt.

Manuel Röösli

Redaktionsleitung

Jakob Heer

Redaktion

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