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Ehemaliger Rugbyspieler Neuseelands Schwingerkönig

Aus dem aktuellen SCHLUSSGANG (Rubrik Hintergrund): In der Schweiz macht Corona dem Schwingsport seit geraumer Zeit einen Strich durch die Rechnung. Am anderen Ende der Welt hingegen steigen Auslandschweizer in die Zwilchhosen.
Erwin Hebel (Mitte) mit der Siegertrychel aus der Hand von Botschafter Michael Winzap (rechts), links auf dem Bild Vereinspräsident Othmar Hebel. (Foto: Matthias Stalder)

Kurze Hosen und barfuss: So würde in der Schweiz wohl kaum je ein Schwinger zu einem Wettkampf antreten. Aber die Rede ist hier ja auch nicht von einem gewöhnlichen Schwingfest. Die Athleten befinden sich nicht am Eidgenössischen oder auf dem Brünig. Nein, sie stehen in einem Sägemehlring auf der anderen Seite des Globus, in Neuseeland. Genauer gesagt im Dörfchen Kaponga im Westen der Nordinsel.

Hier kämpfen die besten – oder einzigen – Schwinger des Landes einmal pro Jahr um den Titel des Bösesten in Neuseeland. Durchgeführt wird das Schwingfest vom grössten Auslandschweizerverein im Land. Die Region Taranaki, in der es organisiert wird, ist seit gut 150 Jahren ein Schweizer Nest. Noch heute leben Dutzende Nachkommen, also Auslandschweizer der zweiten, dritten und vierten Generation, in der ländlichen Gegend, die für ihren imposanten und formvollendeten Vulkan bekannt ist.

Schweizer Botschafter vor Ort
Immer an einem Sonntag Mitte Februar – im Hochsommer auf der südlichen Hemisphäre – treffen sich gut 200 Auslandschweizer auf dem Anwesen des Clubs zum «Swiss Picnic». Jung und Alt können hier Bratwürste essen, Ländlermusik hören und dem Vereinspräsidenten fasziniert beim Alphornspielen zuschauen. Und eben, geschwungen wird auch. Die fünf Gänge stellen den Höhepunkt des Tages dar. Es ist das wichtigste Treffen für Auslandschweizer im Land. Heuer ist mit  Michael Winzap erneut der Schweizer Botschafter aus Wellington angereist. «Die Schweizer Traditionen leben hier auf, und sie werden weitergegeben. Ich finde das wunderbar und möchte das als Botschafter unterstützen», erklärt er.

In Neuseeland ist das Coronavirus zum Zeitpunkt des Treffens im Griff, es gibt fast keine Einschränkungen im Land. Entsprechend dürfen auch die Schwinger ihr Können zeigen. Für das kleine Schwingfest steht ein Sägemehlring zur Verfügung. Sieben erwachsene Männer nehmen teil, der Gewinner erhält eine Trychle. Auch Jugendliche und Buben schwingen in ihren eigenen Kategorien. Doch obwohl sie allesamt barfuss und mit kurzen Hosen antreten, ist der eigentliche Wettkampf klassisch gehalten: Die Athleten schütteln Hände, der Gewinner klopft dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken. Der Platzrichter überwacht das Gezeigte im Ring, zwei Kampfrichter am Tisch unterstützen ihn.

Einheimisches Drumherum
Aber das Drumherum ist neuseeländisch geprägt. Die vorherrschende Sprache ist Englisch, ab und zu hört man Schweizerdeutsch. Auf Heuballen sitzen die Zuschauer rund um das Sägemehl, die Atmosphäre ist familiär und locker, einer der Athleten ist sichtlich verkatert vom Vorabend. Freunde im Publikum quittieren seine schwitzende Vorstellung im Ring mit Gelächter. Und auch als Favorit Erwin Hebler im dritten Gang von seinem Konkurrenten Andrew Breen ausgekontert und auf den Rücken gelegt wird, zeigt sich die neuseeländische Seite: «Good shot, bro», was frei übersetzt «gut gemacht, Kumpel» bedeutet, lobt Hebler seinen Bezwinger noch während des Fallens.

Revanche im Schlussgang
Doch Erwin Hebler erhält kurz darauf im Schlussgang die Chance zur Revanche – und nutzt sie. Der 32-Jährige, dessen Eltern aus dem Kanton Luzern stammen, macht mit seinem Kontrahenten kurzen Prozess. Und so wird er nach seinem Sieg samt Kniefall von der Ehrendame  zum inoffiziellen neuseeländischen Schwingerkönig gekrönt. Zufall ist das nicht: Hebler spielte bis vor wenigen Jahren Rugby und war jahrelang Ringer. Er gewann das Fest auch im Vorjahr, entsprechend galt er heuer als Favorit. «Aber es war streng. Ich bin froh, habe ich es in den Schlussgang geschafft und dann gewonnen», bilanziert er seinen Auftritt.

Spannend und spektakulär
Das Gezeigte am Schwingfest lässt sich durchaus sehen, die Kämpfe sind spannend und teilweise spektakulär. Doch lässt es sich kaum mit einem professionellen Schwingfest in der Schweiz vergleichen: «Wir schwingen einmal pro Jahr – heute», erklärt Sieger Hebler. Entsprechend hätten sie gegen Schwinger aus der Schweiz keine Chance. Das zeigt auch eine Episode, die sich 2013 hier abspielte: Matthias Sempach weilte mit seinem Bruder Stefan und dem Schwingerkollegen Matthias Siegenthaler zur Saisonvorbereitung im Land. Sie liessen sich die Gelegenheit nicht entgehen, um mit den Neuseeland-Schweizern zu schwingen. «Sie hoben uns durch die Luft, als wären wir Kinder», erinnert sich Hebler lachend.

Etwas ist von diesem Stelldichein allerdings leider nicht überliefert: Ob die Schweizer Spitzenschwinger bei ihrem Auftritt am anderen Ende der Welt ebenfalls mit kurzen Hosen und barfuss in den Sägemehlring stiegen.

Autor: Matthias Stalder (Neuseeland)

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