Rudolf Hunsperger - durch Zufall zum Schwingsport gekommen

Spricht man mit Rudolf Huns­perger, bemerkt man bald, dass seine unglaublichen Erfolge im Schwingen nicht von ungefähr kommen. Die älteren Leser haben vielleicht die grosse Sensation noch vor Augen, als «Rüedu» in einem legendären Schlussgang in Frauenfeld dem haushohen Favoriten Karl Meli mit seinem Sieg den Königstitel entriss.

 

Dass Rudolf Hunsperger überhaupt Schwinger wurde, ist das Verdient von Otto Salzmann. «Bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr habe ich mich überhaupt nicht fürs Schwingen interessiert. Ich habe intensiv Handball und Fussball gespielt. Otto, der selber ein erfolgreicher Schwinger war und auch aus Habstetten stammt, sagte eines Tages zu mir: «Du mit deiner Figur solltest doch unbedingt schwingen. So kam es dazu, das ich mit Otto einmal ein Schwingtraining besuchte.» Durch diese Begebenheit entstand eine der glorreichsten Schwingerkarrieren überhaupt. Mit Ruedi Huns­perger wurde ein neuer Typ Schwinger geboren, der den modernen Strömungen der Zeit offen gegenüberstand.
 
Der erste Königstitel
Der Rekrut Hunsperger zählte in Frauenfeld höchstens zum erweiterten Favoritenkreis. Sein grosses Talent hatte «Rüedu» bereits als 18-Jähriger auf dem Brünig bewiesen, als er den traditionellen Bergschwinget bei seiner ersten Teilnahme auch gleich gewann. Ein Jahr später siegte er gegen harte Konkurrenz auch am Bernisch Kantonalen. Dies waren nennenswerte Erfolge, aber vom Titelgewinn sprach eigentlich niemand. Nach drei Siegen folgte in Frauenfeld im vierten Gang die Paarung mit Karl Meli. Schon in diesem Duell fand der grosse Favorit kein Rezept, um den jungen Berner zu bezwingen. Dies war sicherlich der für den Schlussgang vorentscheidende Gang. Im mit Spannung erwarteten Schlussgang konterte der Rekrut nach zwei Minuten einen Kurzversuch von Meli mit einem linken Gammen, fasste Kopfgriff und überwuchtete seinen Gegner zu Boden. In eisernen Griffen hielt er bis zum gültigen Resultat fest. In diesen Minuten wurde entgültig ein neues Zeitalter in der Schwingerei eingeläutet, ja die Geburtsstunde einer lebenden Legende war Tatsache geworden. 
Wie schwer es ist, mit der Bürde des Schwingerkönigtitels fertig zu werden, musste auch Ruedi schmerzlich erfahren. «Meine grösste Enttäuschung erlebte ich am NOS 1968 in Glarus. Nach einer eher verpatzten Saison 1967 mit dem Kilchberg-Schwinget reis­te ich voller Tatendrang in die Höhle des Löwen. Ich war überzeugt, dass ich technisch vielseitiger geworden war und wollte den Kritikern endlich meine Fähigkeiten beweisen. Mit drei Niederlagen gegen Meli, Hüsser und Bleuer verpasste ich sogar den Ausstich. Was für eine Überwindung es mich kostete, überhaupt den Preis abzuholen, kann man sich kaum vorstellen. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass mich vor allem solche Begebenheiten gestärkt haben.» Noch im selben Jahr siegte Ruedi am Unspunnenfest zusammen mit Peter Gasser.
 
Der zweite Königstitel
In den Jahren nach Frauenfeld hatte sich Ruedi technisch um Klassen verbessert. «Ich bemerkte schon bald einmal, dass ich unbedingt vielseitiger schwingen musste, um meinen Erfolg zu bestätigen. Dies hatte zur Folge, dass ich das Training intensivierte. Wir haben schon in dieser Zeit dreimal in der Woche geschwungen. Ein grosser Vorteil für mich war auch die damalige sehr grosse Konkurrenz im Berner Lager. An Gegnern wie meinem Freund Fritz Uhlmann, sowie an David Roschi, Peter Gasser, Hans Stucki und Christian Egg­ler bin ich gewachsen. 
Seinen zweiten Königstitel holte Rudolf auf überzeugende Weise. Mit acht einwandfrei gewonnenen Gängen und einem Punktetotal von 79.25 Punkten wurde er zum zweiten Mal überzeugender Schwingerkönig. Hunsperger zeigte eine solche Überlegenheit, dass er sogar bei einer eventuellen Schlussgangniederlage uneinholbar an der Spitze gelegen hätte.
 
Von Rückschlägen nicht verschont
In der Saison 1970 schlug auch bei «Rüedu» die Verletzungshexe zu. «Infolge einer Verletzung konnte ich nicht am Eidg. Jubiläumsfest in Baden mitmachen. Also setzte ich mir das Ziel, in La Chaux-de-Fonds den dritten Titel zu gewinnen.» Aber auch für das Eidgenössische von 1972 machte ihm das Schicksal einen Strich durch die Rechnung. Drei Tage vor dem Saisonhöhepunkt verstarb sein Vater, und er konnte seinen Titel nicht verteidigen. «Durch den Tod meines Vaters ging das Eidgenössische ohne mich über die Bühne. Ich hatte mir vorgenommen, im Falle eines Sieges meine aktive Karriere zu beenden. So entschloss ich mich, noch zwei Jahre anzuhängen.»
Am Brünig-Schwinget 1974 zeigte «Rüedu» seine Ambitionen auf den dritten Titelgewinn voll auf. Mit dem Punktemaximum von 60 Punkten gewann er das Bergfest zum fünften Mal. 
In Schwyz startete der Berner mit einem gestellten Gang gegen Karl Meli. Mit den darauf folgenden sechs Siegen qualifizierte er sich aber souverän für den Schlussgang, den er gegen seinen Verbandskameraden und Freund Fritz Uhlmann bestritt. In der siebten Minute entschied Rudolf den Schlussgang mit einem Lätz. Nach dem dritten Titelgewinn gab Rudolf Hunsperger seinen Rück­tritt vom aktiven Schwingsport bekannt. «Natürlich ist es früh, mit 28 Jahren zurückzutreten. Aber ich bemerkte über die letzten Jahre, dass ich immer mehr Zeit aufwenden musste, um an der Spitze mithalten zu können. Mein Geschäft nahm auch immer mehr von meiner Zeit in Anspruch, und es war immer mein Ziel gewesen, auf dem Höhepunkt abzutreten.»

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