Schieben, stemmen, stampfen und chrampfen

Kein Schwingfest ohne freiwillige Helfer: Sie sind die guten Geister und helfenden Hände im, am und ums Sägemehl. Einer von vielen ist Toni Senn. Am Berchtold-Schwinget in Zürich feierte der 84-Jährige ein bemerkenswertes Jubiläum.

Bereits drei Tage vor dem ersten Höhepunkt im Schwingerkalender 2012 packen Aktive, Veteranen und Junioren des Schwingklubs Zürich tüchtig an, um die Saalsporthalle in eine veritable Schwingarena zu verwandeln. Mittendrin: Daniel Reichlin und Toni Senn – Bauchef und Urgestein des Berchtold-Schwingets.

Mit Rechen und Schlauch
Während Reichlin die Kolonne der grossen Schubkarren mit einigen wenigen Fingerzeigen zu ihren Bestimmungsorten dirigiert, steht Senn am Rande des sich nach und nach mit Sägemehl füllenden Plastik-Pools und greift wahlweise zu Rechen oder Schlauch. «Die Späne müssen sich setzen, damit nicht plötzlich Löcher entstehen und dem Schwinger sprichwörtlich der Boden unter den Füssen weggezogen wird – darum das viele Wasser.»
Der ehemalige Nationalturner und Kranzschwinger weiss, wovon er spricht; der diesjährige Einsatz war sein 50. in der Geschichte des Zürcher Berchtold-Schwinget! «Dem Toni muss man nichts erklären. Der funktioniert zuverlässig», meint denn auch Daniel Reichlin, der an diesem Tag auf die Dienste eines Heeres von drei Dutzend Freiwilligen zurückgreifen kann.
Die Männer buckeln, schieben, stemmen und stampfen. Und behalten ob des Chrampfs dennoch beste Laune! Binnen acht Stunden ist die Infrastruktur in der polysportiv genutzten Halle soweit hergerichtet, dass am 2. Januar sowohl Athleten wie Zuschauer ein Schwingfest bei besten Bedingungen geniessen können.
Und an eben diesem 2. Januar steht der Senn Toni bereits in aller Früh wieder in der Saalsporthalle, recht das Sägemehl zurecht und pumpt Luft in ein paar schmalbrüstig röchelnde Seitenbanden. «Holz anfassen – aber bis zum heutigen Tag ist es noch zu keinem nennenswerten Zwischenfall gekommen, für den ich die Verantwortung tragen müsste», lacht der rüstige Rentner.

Ein Kränzchen vom Präsidenten
Pünktlich zum Anschwingen um 9 Uhr beziehen er und seine Kollegen Position links und rechts der Kampfrichtertische. Ist ein Gang absolviert, marschieren der 84-Jährige und sein «Chef» Reichlin durch das mit 60 Kubikmeter Holzspäne gefüllte Rechteck, um die Spuren der letzten Gänge zu beseitigen. «Ohne Freiwillige wäre so ein Fest schwer durchführbar», sagt OK-Präsident Olivier Gretler und windet seinen Kollegen ein Kränzchen. «Wenn man bedenkt, dass Silvester erst gerade durch ist und Feiertage oder Ferientage dafür geopfert werden, um Frondienst zu leisten, kann man das den Männern und Frauen gar nicht hoch genug anrechnen.»
Kaum ist der Schlussgang entschieden und die Rangverkündung vorüber, fängt für Reichlin, Senn & Co. die Arbeit wieder von vorne an. All das, was vor drei Tagen in die Halle gekarrt wurde, muss jetzt wieder raus; Bänke, Stühle, Sägemehl.

Vom Ring auf die Tribüne
Unter die Freude, ein tolles Fest auf die Beine gestellt zu haben, mischt sich bei der generationenverbindenden Truppe an diesem Spätnachmittag auch ein bisschen Wehmut. Denn für Toni Senn, der jetzt mit einem Geschenkkorb durch die Halle läuft, war es der letzte Einsatz am Berchtold-Schwinget. «Fünfzig Jahre sind eine runde Sache. Aber jetzt reicht’s. Das nächste Jahr bin ich nur noch auf der Tribüne anzutreffen», sagt der 103-fache Kranzgewinner im Ringen, Schwingen und Nationalturnen.

Freiwillig bleibt freiwillig
Dann deutet er auf Daniel Reichlin, den Bauchef, und fängt lachend an zu sticheln. «Eigentlich ist der Dani ja schuld. Der will mich inskünftig für meine Dienste bezahlen. Weil ich das aber nicht will, muss ich halt künden...»  So sei das eben mit den Freiwilligen.
Noch einmal setzt Senn ein verschmitztes Lächeln auf und wendet sich an seinen jungen Klubkameraden: «Na gut, wenn ihr dann also wirklich überhaupt niemanden findet, dann überleg ich es mir vielleicht noch einmal.»

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