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Bei den Kampfrichtern zu Gast

Mit niemand anderem in der Schwingarena geht das Publikum so hart ins Gericht wie mit den Kampfrichtern. Zu Besuch in einem Kampfrichterkurs.

Mittwochabend im Schwingkeller der Zugerseegemeinde Cham. Auf dem Programm steht der frühjährliche Kampfrichterkurs. 40 Mitglieder des Zuger Kantonalen Schwingerverbandes haben sich in der Sägemehlgrube eingefunden, sitzen auf Festbänken und folgen den Ausführungen von Josef Broch und Walter Burch. Die beiden Ausbildner des ESV lassen die letzte Saison Revue passieren und projizieren Wettkampfausschnitte auf die Leinwand. Beispiele gelungener Kampfrichterarbeit – und Beispiele weniger gelungener.

«Halt, Walter, halt!» ruft Broch. Sein Kollege Burch drückt die Pausentaste. Dann wendet sich Broch an die Männer auf den Bänken: «Habt ihr das gesehen? Habt ihr gesehen, wie zaghaft der Kollege den Gang beendet hat?» Die Angesprochenen nicken. «Wer so unsicher agiert, der beschwört die Diskussionen förmlich herauf.» Und Diskussionen, so Broch, seien das Letzte, was es auf dem Schwingplatz brauche. «Ihr seid die Chefs. Verhaltet euch entsprechend, entscheidet konsequent und kommuniziert diesen Entscheid deutsch und deutlich!»
Einer dieser «Chefs» ist Beat Weiss. Der 31-Jährige des Schwingklubs Oberwil-Zug steht in seinem zweiten Jahr als Kampfrichter. Das bedeutet gemäss den neuen Kampfrichter-Richtlinien, dass er noch ein Jahr lang Regionalschwingfeste und Jungschwingertage (Kategorie 1) leiten wird, bevor er in die Kategorie 2 (Gau- und Kantonalfeste), die Kategorie 3 (Teilverbandsfeste und Bergfeste) sowie die Kategorie 4 (eidgenössische Anlässe) aufsteigen kann. Mit dieser Massnahme unterstreicht der Verband sein Bestreben, die Qualität der Kampfrichterarbeit zu heben. «Mir ist es recht, ganz unten anzufangen und Schritt für Schritt aufzusteigen», sagt Beat Weiss, «denn mit jedem einzelnen Fest steigt die Routine». Der Bauernsohn vom Zugerberg nimmt es, wie es kommt: «Mir ist momentan das einzelne Schwingfest viel wichtiger als die Aussicht darauf, eines schönen Tages vielleicht an einem ganz grossen Anlass im Einsatz zu stehen.»
 
Keine Angst vor grossen Namen
Ein Grossanlass erfordert insbesondere von den Platzkampfrichtern ein gutes Nervenkostüm. Das weiss keiner besser als Josef Broch. «Lasst euch von den grossen Namen nicht erschrecken. Die meisten der erfolgreichen Schwinger wissen genau, wie sie sich verhalten müssen, um einen Kampfrichter zu beeinflussen oder ihn zumindest zu verunsichern.» 
Walter Burch lässt das Video weiterlaufen. Auf der Leinwand jubelt einer der ganz Bösen, obwohl der Gang nicht wirklich entschieden ist. Das Publikum geht lautstark mit. Der Kampfrichter aber lässt sich nicht beeindrucken und fordert die beiden Kontrahenten zum Weitermachen auf. Das wiederum versetzt die Zuschauer auf den Rängen in Rage. «Da ist es nicht immer einfach, die Ruhe zu bewahren. Routine, die konsequente Auslegung des Regelwerks und Entscheidungssicherheit helfen mit, einen Wettkampf gut über die Runden zu bringen», betont Broch. 
 
Erfahrung mit kritischem Publikum
Seine Erfahrungen mit dem Publikum hat auch Beat Weiss, der Nachwuchs-Kampfrichter, gemacht. An einem Jungschwingertag sei er von einem Vater verbal dermassen angegangen worden, dass die Kollegen vom Kampfrichtertisch hätten dazwischengehen müssen. «Auch das gehört wohl dazu, wenn man sich dazu entschliesst, Kampfrichter zu werden», bucht er den Zwischenfall als «Lehrblätz» ab. Nach dem Beweggrund, weshalb er sich freiwillig und richtend in den Sägemehlring stellt, muss er nicht lange suchen. «Bis zu meinem 16. Lebensjahr habe ich geschwungen, dann hörte ich auf damit. Aber das Schwingen hat mir immer sehr viel gegeben – als Kampfrichter kann ich dem Sport nun etwas zurückgeben.» 
 
Ermahnungen dürfen sein
Walter Burch, der Ausbildner aus der Innerschweiz, lässt die letzten Sequenzen seines Lehrvideos laufen. Titel: «Das Verhalten des Schwingers nach dem Sieg». «Jetzt schaut euch mal diesen Affentanz an, den der da aufführt», schimpft  Kollege Broch und verwirft die Hände. «Das geht so nicht! Das ist unanständig! Zuerst wird dem Unterlegenen das Sägemehl vom Rücken geklopft, erst danach wird gejubelt – und das in gemässigtem  Rahmen.» Auch dies liege im Verantwortungsbereich des Kampfrichters. «Sowieso, redet mit den Schwingern und getraut euch auch mal eine Ermahnung auszusprechen oder einen Notenabzug in Aussicht zu stellen. Beispielsweise bei Passivität oder beim Verzögern während des Grifffassens.» 
Nach zwei Stunden Anschauungsunterricht und intensiven Diskussionen, wie Regeln auszulegen und Noten zu vergeben sind, wird im Chamer Schwingkeller das Licht gelöscht. Alle wissen: Sie Saison kommt langsam aber sicher in Gang. Und die Blicke werden wieder auf die Bösen gerichtet sein – und auf die Kampfrichter.

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