Eidgenosse und Weltverbandspräsident

Während der wegen dem Coronavirus schwingfreien Zeit werden auf www.schlussgang.ch regelmässig Porträts von Schwingergrössen aus der Vergangenheit aufgeschaltet. Heute ist Raphy Martinetti aus dem Südwestschweizer Schwingerverband an der Reihe, sein Porträt im SCHLUSSGANG erschien im Jahr 2010. Raphy Martinetti stand in seiner Aktivzeit im Schatten seiner bekannteren Brüder Etienne und Jimmy. Aber auch er gewann einen eidgenössischen Schwingerkranz und zahlreiche Kranzfeste.
Das legendäre Walliser Schwinger- und Ringertrio Martinetti an einem Tisch: (von links) Raphy, Etienne und Jimmy. (Foto: Archiv SCHLUSSGANG)
Raphy Martinetti agierte (fast) in derselben Liga wie Sepp Blatter im Fussball oder René Fasel im Eishockey. Als Präsident eines Weltsportverbandes, jenem der Ringer, reiste er während acht Monaten im Jahr in der weiten Welt herum. Von 2002 bis 2013 war er FILA-Präsident. Doch seine Wurzeln liegen im Schwingen. In der Kindheit kamen er und seine Brüder Etienne und Jimmy über ihren Onkel Jean Dabellay zum Zweikampf im Sägemehl. Im Schwingklub Martigny hatte das Martinetti-Trio ein ideales Umfeld. Ausserdem trainierten die drei täglich miteinander. Über den Turnverein Martigny Aurore fanden die Martinetti-Brüder auch zum Nationalturnen und zum Sägemehlringen. Bald waren sie in allen Zweikampfdiszplinen über das Wallis hinaus das Mass der Dinge.
 
Intensive Jahre
«In den Aktivjahren waren wir von Mai bis September jeden Sonntag an einem Wettkampf», erinnert sich der mittlere der drei Brüder. Obwohl Raphy Martinetti mit «nur» 76 kg der Leichteste des Trios war, feierte auch er im Schwingen grosse Erfolge. 1966 erlebte er am Eidgenössischen in Frauenfeld seinen grössten Erfolg. Schon im siebten Gang stand er vor dem Kranzgewinn, doch ausgerechnet ein Freiburger Kampfrichter erhob gegen ein gültiges Resultat Einspruch. «Er war wohl irritiert, dass ein so leichter Walliser einen solchen Erfolg hatte», blickt Raphy Martinetti schmunzelnd zurück. Im achten Gang liess er sich aber nicht mehr aufhalten. An den letzten Gegner mag er sich nicht mehr besinnen. «Ich erinnere mich nur an Schwinger, gegen die ich verloren habe. Doch solche gibt es nicht viele.» Stolz erwähnt er, dass es nur einen Einzigen gebe, der alle drei Martinettis an einem Tag bezwungen hat: Schwingerkönig David Roschi.
 
Kein dreifacher Erfolg in Biel
1969 in Biel erlebte Raphy Martinetti seine grösste Enttäuschung. In diesem Jahr befand er sich in der Form des Lebens. Er hatte zuvor das Südwestschweizerische, das Walliser Kantonale und auch das Waadtländische gewonnen. Aber während Etienne und Jimmy als eidgenössische Kranzgewinner nachzogen, verfehlte Raphy diesmal die Auszeichnung.
 
Insgesamt blickt der dreifache Familienvater auf sehr erfolgreiche Wettkampfjahre zurück. Viermal gewann er das Südwestschweizerische, fünfmal das Walliser Kantonale. Auch im Nationalturnen und im Sägemehlringen gehörte er zu den Bösen, wie je vier eidgenössische Kränze unterstreichen. Die drei Martinettis traten immer gemeinsam an. Das Ringen mit seinen Gewichtsklassen kam Raphy entgegen. Ausserdem gabs hier keine Familienduelle. Dies sei ein Problem gewesen: «An Westschweizer Festen trafen wir häufig aufeinander, entweder im Schlussgang oder schon vorher, wenn man uns bremsen wollte.»
 
Steile Funktionärskarriere
Mit 30 Jahren rutschte er in die Funktionärsrolle. Inzwischen war er auch im Mattenringen aktiv. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 in München half er, den Schweizerischen Amateurringerverband (SARV) zu gründen und übernahm die Rolle des Technischen Leiters. Nach zwölf Jahren wechselte er auf die Position des Verbandspräsidenten. Nachdem er in München als Kampfrichter im Einsatz gestanden hatte, kam auch die internationale Funktionärskarriere in Bewegung. Stufe um Stufe kletterte er nach oben, bis er vor acht Jahren oben anlangte.
 
Kontakt nicht verloren
Trotz der Fokussierung aufs Ringen hat Raphy Martinetti das Schwingen nicht aus den Augen verloren. Weil er vom ESV keine offizielle Einladung erhalten hatte, verfolgte er beispielsweise das Eidgenössische in Frauenfeld 2010 aus der Distanz. «Ein wunderbares Fest mit einem verdienten König, der dem Schwingen alle Ehre erweist», lautet sein Kommentar. 
 
Die Spitzenschwinger trainierten heute wie andere Spitzensportler, stellt er fest. Deshalb bedaure er, dass der Schwingerverband die Zusammenarbeit mit den Ringern nicht mehr suche. «Die besten Schwinger könnten im Ringen immer noch internationale Erfolge erreichen», glaubt der Weltverbandspräsident.
 
Er verfolge pro Jahr zwei bis drei Schwingfeste vor Ort. «Das Schwingen interessiert mich noch immer, denn dieser Sport vertritt Werte, für die auch ich mich einsetze.» Deshalb träume er von einer Zusammenarbeit zwischen dem Ringen und Schwingen.

Wolfgang Rytz

Redaktion

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