Ein waschechter Berner in Nordostschweizer Diensten

Während der wegen dem Coronavirus schwingfreien Zeit werden auf www.schlussgang.ch regelmässig Porträts von Schwingergrössen aus der Vergangenheit aufgeschaltet. Heute ist der Berner Samuel Sempach, der für die Nordostschweizer schwang, an der Reihe, sein Porträt im SCHLUSSGANG erschien im Jahr 2011. Der Berner Samuel Sempach schwang während seiner Aktivzeit für den Nordostschweizer Schwingerverband, weil er im thurgauischen Hüttwilen lebte. Der im Herzen immer ein Berner gebliebene, heute in Frankreich lebende Turnerschwinger gewann 1972 in La Chaux-de-Fonds den eidgenössischen Kranz.
Samuel Sempach (links) gegen Alois Peng, den Vater des Eidgenossen Mike Peng, mit einem wunderschönen Kurzzug. (Foto: zvg)

Aufgewachsen ist der Onkel von Matthias und Stefan Sempach in Thun, wo seine Eltern einen Landwirtschaftsbetrieb gepachtet hatten. Anfang der sechziger Jahre zog die Familie Sempach in den Kanton Thurgau und bewirtschaftete in Hüttwilen einen Betrieb. Der damals 15-jährige Samuel Sempach kehrte nach einem Jahr ins Berner Oberland zurück und absolvierte die landwirtschaftliche Lehre in Uetendorf.

Prominenter Förderer
Es war der im Schwingervolk nicht unbekannte Werner Fivian, der den kräftigen Jüngling zum Schwingen motivierte. Samuel Sempach bezeichnet Fivian gleichzeitig als seinen Lehrmeister und sein grosses Vorbild. Damals waren in Thun neben Fivian mit Christian Kropf und Fritz Strauss weitere Eidgenossen im Training, von denen Sempach sehr viel profitierte.

Als weiteren Meilenstein erwähnt der gebürtige Berner Oberländer den Besuch der landwirtschaftlichen Schule auf dem Schwand, die er zusammen mit Walter Blatter besuchte. Der Direktor erlaubte den beiden, in der Scheune einen Sägemehlplatz herzurichten. «Jeden Abend trainierten wir bis zum Umfallen», sagt der heute in Frankreich lebende Samuel Sempach. Dieser Sondereffort habe ihnen die Qualifikation für das Eidgenössische Jubiläumsschwingfest in Baden 1970 eingetragen. Dort gelang dem damals 23-jährigen Turnerschwinger der Durchbruch.

Wertvoller Kranzgewinn
Ein Jahr später ging für den sympathischen Meisterlandwirt auf dem Brünig ein Traum in Erfüllung. Als Heimwehberner war es für ihn eine besondere Ehre, den begehrten Brünigkranz zu erobern. Voller Stolz rief der frisch gekrönte Brünigkranzer am Abend seinen Vater an. Dieser meinte trocken, das sei ja schön, aber viel wichtiger sei es, dass am Montagmorgen um sechs Uhr das frisch gemähte Gras für die Fütterung der Kühe im Stall bereitgestellt sei.

Obschon sein Vater dem Schwingen nicht viel abgewinnen konnte, ist Samuel Sempach ihm dankbar, dass er ihm den nötigen Freiraum für das intensive Training liess. «Zu dieser Zeit fingen die Schwinger an, die Trainings moderner zu gestalten. Dazu hat in der Nordostschweiz der zweifache Schwingerkönig Karl Meli sehr viel beigetragen.» Meli ist für Samuel Sempach schwingerisch noch heute das Mass aller Dinge. «In sportlichen wie in menschlichen Belangen ist Karl Meli eine Persönlichkeit, die seinesgleichen sucht.»

Die Erfahrungen mit Koryphäe Meli haben ihm auch geholfen, als er 1972 in La Chaux-de-Fonds den eidgenössischen Kranz ergatterte. «Zusammen mit dem Brünigkranz sicherlich meine schönsten Erfolge», sagt Sempach.

Zwei Schlussgänge verwehrt
Obwohl das schwingerische Herz von Samuel Sempach noch heute für die Nordostschweiz schlägt, ist er davon überzeugt, dass seine Berner Wurzeln ihn zwei Siege an einem Thurgauer Kantonalfest gekostet haben. Nach starken Leistungen wurde ihm zwei Mal mit einer unverständlichen Einteilung im vorentscheidenden fünften Gang der Einzug in den Schlussgang verwehrt. «Damals war Otto Brändli den Bernern nicht sehr gut gesinnt. Diese Einstellung bekam ich zweimal schmerzlich zu spüren.»

Im Winter 1975 beendete Samuel Sempach seine Karriere nach einer weiteren Knieverletzung vorzeitig und konzentrierte sich auf die berufliche Weiterentwicklung. 1979 übernahm er den Pachtbetrieb seiner Eltern im Thurgau. Als 1992 der Verpächter seinen Hof wieder selber bewirtschaften wollte, zog es ihn ins Bernbiet zurück. Als Ökonom bildete er bis ins Jahr 2000 an der landwirtschaftlichen Schule Rüti bei Zollikofen Landwirte aus.

Eidgenosse mit Schloss
Eine grosse Veränderung im Leben des Eidgenossen ereignete sich um die Jahrtausendwende, als er ein Landgut in Romange im französischen Jura käuflich erwarb. Integriert in den Grossbetrieb ist ein stattliches Gutshaus, welches sogar dem Kaiser Napoleon zwischenzeitlich als Wohnsitz diente. Zusammen mit seiner Ehefrau und dem jüngeren Sohn Lars bewirtschaftet Sempach den 165-Hektar-Betrieb und findet daneben noch die nötige Zeit, das Gutshaus (Schloss) zu renovieren. Besonders freut es ihn, wenn ehemalige Schwingerkollegen seinen Vorzeigebetrieb besuchen.

Mit grossem Interesse verfolgt Grossgrundbesitzer Samuel Sempach das Schwingen noch heute und besucht pro Saison im Minimum drei bis vier Schwingfeste. Dabei gilt und galt sein Fokus natürlich den Neffen Matthias und Stefan sowie dem entfernten Verwandten Thomas Sempach.

Werner Frattini

Freier Mitarbeiter Text

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