Weg vom Jet-Set – Imagepflege mit Kurz und Lätz

Hundert Jahre musste das Engadin auf ein grosses Schwingfest warten. Jetzt bringen Menduri Kasper und seine Kollegen aus Silvaplana das Nordostschweizerische ins Tal des Lichts.

 

Engadin! Da denkt der Normalsterbliche unweigerlich an Pelz, Protz und Polo. Und liegt damit nicht wirklich falsch. Das muss auch Menduri Kasper zugeben. Der 34-Jährige ist Tourismus-Koordinator der Gemeinde Silvaplana, welche nur einen Stein(bock)wurf vom mondänen St. Moritz entfernt liegt. «Natürlich, das Engadin lockt seit jeher die Reichen und Schönen aus aller Welt an. Aber es gibt auch das andere Engadin; jenes fernab von Glamour und Jet-Set.»
Nicht zuletzt um diesen Fakt zu unterstreichen, haben sich Kasper und seine Silvaplaner Kollegen vor drei Jahren um die Austragung des Nordostschweizer Schwingfestes 2012 beworben – und letztlich den Zuschlag erhalten. «Wir wollen mit diesem Anlass unsere bodenständige Art hervorheben. Die wird von der auswärtigen Öffentlichkeit häufig nur rudimentär wahrgenommen», sagt Kasper. Ein Schwingfest, so der Marketingprofi, sei für dieses Unterfangen geradezu ideal.
 
Die ganze Gemeinde im Rücken
Silvaplana lässt sich die Imagepflege etwas kosten. Insgesamt hat das OK um Menduri Kasper 200 000 Franken für die Durchführung des Anlasses veranschlagt. Die Gemeinde steuert einen erklecklichen Teil bei, sei es finanziell oder hinsichtlich Infrastruktur, aber auch in Form von Mannstunden. «Wir müssen nicht auf Gedeih und Verderb einen Gewinn einfahren, eine schwarze Null reicht aus. Das ist für einen Veranstalter natürlich von grossem Vorteil», bemerkt der OK-Präsident. Erwartet werden rund 4000 Besucherinnen und Besucher. Platz finden die Schwingfans auf zwei Tribünen und dem Wiesland am Silvaplanersee – inmitten einer spektakulären Bergwelt. «Die Schwingerfamilie wird das Engadin von seiner schönsten Seite kennenlernen», ist sich der umtriebige Tourismus-Fachmann sicher. Mit speziellen «Packages» will die örtliche Hotellerie zusätzlich Übernachtungen generieren. 
 
Support aus dem Unterland
Damit nicht nur event- sondern auch schwingertechnisch nichts schief geht, haben sich die Oberengadiner mit dem Schwingklub Unterlandquart zusammengetan. Indes: Absolutes Neuland in Sachen Schwingen betreten die Silvaplaner nicht. Auch das Bündner-Glarner von 2009 stand unter deren Obhut – nahezu in Gleichbesetzung des aktuellen Komitees für das NOS 2012. Jener Anlass hatte denn so etwas wie Signalwirkung und vermochte gar einen (Mini-)Schwinger-Boom im Engadin auszulösen. Wenn man bedenkt, dass der Nationalsport in den letzten fünf Jahrzehnten in Südbünden praktisch inexistenz war, dann darf man die Entwicklung, die 2011 in der Gründung des Schwingclubs Engadin gipfelte, getrost als solchen bezeichnen. «Wir hoffen natürlich, dass bald wieder einmal ein Engadiner zum Kranzschwinger wird. Vorderhand allerdings traniert im Schwingkeller des Clubs vor allem der Nachwuchs», lacht Menduri Kasper, der sich selber als absoluten Sägemehl-Laien bezeichnet. Ein Laie, dessen Engagement ennet dem Julier allerdings einiges in Bewegung gesetzt hat.
 
Mit Forrer und Abderhalen in RS
Von Ungefähr kommt die Liebe zum Schwingen beim 34-Jährigen wiederum auch nicht. Kasper schmunzelt. «Die Rekrutenschule habe ich zusammen mit Beat Abderhalden und Arnold Forrer absolviert. Kann schon sein, dass mich dieser Umstand irgendwie angestachelt hat.» Schwer beeindruckt habe ihn auch das Nordostschweizer Jodlerfest, das 2007 in St. Moritz über die Bühne gegangen ist. Zuerst habe er noch gedacht: «Was soll den das, wen interessiert’s?» Doch spätestens, als er in der Zuschauermenge gestanden habe, seien die Zweifel gewichen. «Ich war einfach begeistert.» Als er zwei Monate später in Silvaplana die Stelle des Tourismus-Koordinatoren antrat, war für Kasper klar: «Etwas in der Art wollen wir auch durchziehen.» Und so sei man aufs Schwingen gekommen.
 
Sponsoren stehen Schlange
Kaspers Begeisterung scheint sich nicht nur auf seine Kollegen und zahlreiche Spitzenschwinger übertragen zu haben, sondern auch auf die Sponsoren. «Es ist unglaublich, normalerweise müssen wir das Geld für einen Anlass buchstäblich zusammenbetteln – das Nordostschweizerische aber ist quasi ein Selbstläufer.» Die Silvaplaner verfolgen eine klare Strategie: Firmen aus dem Engadin sind als Gabenspender gesetzt, Unternehmen von ausserhalb des Tales können als Sponsoren auftreten. Damit soll einerseits verhindert werden, dass das örtliche Gewerbe innert weniger Jahren über Gebühr beansprucht wird, andererseits ist aber auch sichergestellt, dass die Schwinger eine Gabe explizit aus der Region erhalten – aus einer Region, die nicht mehr länger ein leerer Fleck auf der Karte der Schwingfeste ist.

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